Wenn ein Sohn seinem Vater noch einmal eine Stimme gibt ...
Alexander Martin schreibt den wohl persönlichsten Song seines Lebens – und lässt darin die große Liebe seiner Eltern noch einmal weiterleben. Es gibt Lieder, die entstehen, weil man eine Melodie im Kopf hat. Und es gibt Lieder, die entstehen, weil etwas im Herzen keinen anderen Weg nach draußen findet.
Dieser Song gehört zur zweiten Kategorie. Alexander Martin hat ein Lied für seinen verstorbenen Vater, den Sänger, Komponisten und Songwriter Andreas Martin, geschrieben. Doch wer den Text hört, begegnet darin nicht dem Sohn. Er begegnet Andreas. Denn Alexander schrieb die Worte so, als hätte sein Vater sie selbst für seine große Liebe und Ehefrau Juliane geschrieben. Ein letztes Lied von Andreas an Juliane – eine Liebeserklärung über die Grenzen des Lebens hinaus.
Dabei greift Alexander ganz bewusst Textbausteine, Bilder und Erinnerungen aus rund 40 Jahren Andreas Martin auf und gibt ihnen eine neue Bedeutung. Und dann ist da plötzlich wieder der Mond. Jener Mond, den Andreas Martin einst in seinem großen Hit "Ich fang dir den Mond" vom Himmel holen wollte. Viele Jahre später kehrt dieses Bild zurück:
Ich wollte dir den Mond noch einmal fangen,
doch mein Lasso ist einfach weg.
Wollte dir nochmal wunderschöne Bilder mal’n,
doch jemand hat meinen Stift versteckt.
Wollte dir nur noch einmal zeigen,
wie wertvoll du für mich bist.
Mit Wunderkerzen
überreich ich dir den Schlüssel zu meinem Herzen.
Was früher ein großes romantisches Versprechen war, wird plötzlich zu einem Bild des Abschieds. Er wollte ihr den Mond noch einmal fangen – doch Juliane war nicht mehr da. Und genau darin liegt die besondere Geschichte dieses Liedes: Ein Sohn schreibt für seinen Vater die Worte, die dieser seiner großen Liebe selbst nicht mehr sagen konnte. Musikalisch entstand der Song gemeinsam mit Mick Dorth, der zusammen mit Alexander Martin die Komposition entwickelte und der Geschichte schließlich ihren außergewöhnlichen Sound gab. Seine Produktion trägt die Emotionen des Textes, ohne sie zu überladen – modern, kraftvoll und gleichzeitig mit dem nötigen Raum für jedes einzelne Wort. Heute sind Andreas und Juliane beide nicht mehr hier. Doch für die Dauer dieses Liedes scheint etwas möglich zu werden, das eigentlich unmöglich ist: Ein Sohn gibt seinem Vater noch einmal eine Stimme. Ein Mann spricht noch einmal zu seiner großen Liebe. Und der Mond leuchtet ein letztes Mal über ihrer gemeinsamen Geschichte.
Foto & Text: New Radiola Records
Mit freundlicher Genehmigung
Das Folgende weist zwangsläufig Parallelen zum Promotext auf – schlicht weil beides dasselbe Lied beschreibt. Es ist jedoch meine persönliche Sicht mit eigener Empfindung aus ähnlichem, aber nicht identischem Blickwinkel. đ
"MOND" ist für mich ein ganz besonderes Lied, weil man den Text kaum losgelöst von den Ereignissen dahinter betrachten kann.
Es erzählt von einem Mann, der einer Frau seine Liebe erklärt und sich an all die Dinge erinnert, die sie miteinander erlebt haben, an ihre tiefe Verbundenheit und daran, dass sie füreinander da waren. Doch wenn man weiß, dass Alexander Martin hier gewissermaßen in die Rolle seines verstorbenen Vaters Andreas Martin schlüpft und ihm seine Stimme leiht, bekommt jede einzelne Zeile eine ganz andere Bedeutung.
Der Proragonist des Liedes könnte in vielen anderen Liedern für jeden von uns stehen. Jeder könnte sagen: "Genau so hätte ich es auch gesagt" oder "Diese Worte könnten auch von mir stammen." Bei "MOND" bekommt dieser Protagonist jedoch ein ganz konkretes Gesicht – das von Andreas Martin selbst. Er spricht zu seiner verstorbenen Frau und erzählt ihr, wie sehr er sie geliebt hat und wie gerne er ihr diese Liebe noch einmal gezeigt hätte.
Ob Alexander dabei tatsächlich Worte seines Vaters wiedergibt, die er von ihm kennt, oder ob er sich vorstellt, was sein Vater seiner Frau noch hätte sagen wollen, bleibt offen. Und vielleicht ist genau das auch gar nicht entscheidend. Entscheidend ist vielmehr, dass Alexander versucht, seinem Vater eine Stimme zu geben – und damit eine Liebeserklärung möglich macht, die im wirklichen Leben nicht mehr ausgesprochen werden kann.
"Habe damals, um dir zu zeigen, wie sehr ich dich mag, den Mond eingefangen und für dich Bilder gemalt."
Ich verstehe diese Zeilen als Erinnerung an die vielen kleinen und großen Gesten, mit denen ein Mensch seiner Partnerin zeigen möchte, wie wichtig sie ihm ist. Der Mond ist dabei natürlich ein wunderschönes Bild. Ihn einzufangen ist eigentlich unmöglich. Und gerade deshalb passt er so gut zu einer großen Liebe. Wenn man einen Menschen wirklich liebt, möchte man ihm manchmal die ganze Welt schenken – und vielleicht sogar Dinge möglich machen, die eigentlich unmöglich sind.
Zudem steckt in dieser Zeile eine schöne und offensichtliche Verbindung zu Andreas Martins eigenen Liedern. Der Mond und das Lasso erinnern an "Ich fang dir den Mond", während das Bildermalen an "Du, ich mal dein Bild" angelehnt ist.
Für mich macht genau das "MOND" so besonders. Alexander verwendet nicht einfach irgendwelche romantischen Bilder. Er greift Motive aus dem musikalischen Leben seines Vaters auf und lässt sie in diesem neuen Lied weiterleben.
Der Refrain ist dabei besonders berührend. Der Mann möchte all diese Dinge noch einmal tun. Er möchte seiner Frau noch einmal den Mond fangen, ihr noch einmal ein Bild malen und ihr noch einmal zeigen, wie wertvoll sie für ihn ist. Aber er kann es nicht mehr.
Die Worte "noch einmal" sind für mich einer der roten Fäden durch das Lied. Es geht um den Wunsch, etwas aus der gemeinsamen Vergangenheit noch einmal erleben oder tun zu können. Noch einmal etwas schenken. Noch einmal Liebe zeigen. Noch einmal sagen, wie wichtig der andere Mensch ist.
Und genau darin liegt für mich die Verbindung zum Verlust.
Wenn ein Mensch stirbt, bleiben oft unzählige Gedanken und Gefühle zurück. Man hätte vielleicht noch etwas sagen wollen, noch etwas gemeinsam erleben oder einfach noch einmal zeigen wollen, wie wichtig der andere war. Doch diese Möglichkeit gibt es nicht mehr.
"Du, für alles danke ich dir." - ein Dankeschön für ein ganzes gemeinsames Leben. Für die Liebe, für die gemeinsamen Jahre und für alles, was die beiden miteinander verbunden hat.
Und dann ist da noch das Bild vom Schlüssel zum Herzen. Die Frau bekommt ihn nicht zum ersten Mal. Sie hatte diesen Platz in seinem Herzen längst. Er möchte ihn ihr nur noch einmal überreichen und ihr damit zeigen, dass sie dort auch weiterhin ihren Platz hat.
Für mich ist "MOND" deshalb auch kein typisches Trauerlied. Der Tod ist zwar die Voraussetzung für die besondere Bedeutung des Textes, aber er steht nicht im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt stehen die gemeinsamen Erinnerungen und die Liebe, die geblieben ist.
Und genau hier bekommt auch Alexanders Rolle eine besondere Bedeutung.
Er erzählt nicht einfach, dass sein Vater seine Mutter geliebt hat. Er lässt seinen Vater selbst davon erzählen.
Er gibt ihm seine Stimme. und verwendet Bilder, die mit Andreas Martins eigenen Liedern verbunden sind. Dadurch entsteht fast ein musikalischer Dialog zwischen Vater und Sohn.
Andreas Martin hat für seine Frau gesungen.
Jetzt singt Alexander für seinen Vater - und für seine Mutter!
Und vielleicht ist das die schönste Art, wie ein Sohn seinem Vater seine Stimme geben - und seinen Eltern die Liebe zeigen kann: Er nimmt etwas von dem auf, was den Vater ausgemacht hat, und trägt es weiter.
Alexander versucht, die Liebe seiner Eltern in Worte zu fassen und seinem Vater noch einmal die Möglichkeit zu geben, zu seiner Frau zu sprechen.
Und so entsteht mehr als ein einfaches Liebeslied.
Es ist eine Erinnerung an eine große Liebe. Es ist eine Hommage an Andreas Martin und gleichzeitig eine sehr persönliche Geste seines Sohnes. Die alten Bilder aus "Ich fang dir den Mond" und "Du, ich mal dein Bild" die man beim Hören unweigerlich vor Augen hat, verbinden die Vergangenheit mit der Gegenwart.